Lepsius Haus, Völkermord-Anerkennung und Versöhnung

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Lepisus-Haus

Drei Schlagworte die in diesem Jahr in Deutschland erneut zur Debatte stehen. Der umstrittene Johannes Lepsius, dessen Name eng mit den Armeniern verbunden ist und zu seinem Ehren ein Haus eingerichtet wird, die Völkermord-Anerkennung in der Politik sowie die Etablierung dessen im Lepsius-Haus und der Versöhnungsaufruf des Bundestages das auf die Funktion des Lepsius-Haus verweist.

Das Lepsius-Haus, eine Stätte von deutschen Theologen und eine Bibliothek, eine Forschungs- und Begegnungsstätte für internationale wissenschaftliche und ökumenische Zusammenarbeit sowie die Wiederbelebung der bereits von Lepsius seit 1923 aufgebauten Deutsch-Armenischen Akademie, wird seinem Namen seit langem nicht mehr gerecht, wenn es um den Auftrag des Bundestages geht. Das Ziel, die Förderung eines armenisch-türkischen Dialogs mit dem Haus voranzutreiben, ist gründlich daneben gegangen. Wo nicht einmal eine türkische Universität oder türkische Historiker miteinbezogen werden, stattdessen amerikanische oder deutsche Universitäten eine maßgebliche Rolle spielen. kann von Dialog oder Versöhnung kaum gesprochen werden.

Lepsius ist ein Streitpunkt unter Historikern wie auch in der Politik, doch im Lepsius-Haus verfliegen diese vollkommen. Lepsius wird auch überbewertet, wenn man die Historie anhand eines Mannes bewerten will, der zudem ein Türkenfeind war und zu Lebzeiten eine anatolische Siedlung kaum zu Gesicht bekam. Man sollte deshalb Lepsius nicht überwerten, wenn es um die Armenier-Frage geht. Erst Ende Februar dieses Jahres ging die Fraktion DIE LINKE erneut auf die Darstellung des Johannes Lepsius und die Funktion des Hauses in Deutschland ein. Es darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, das auch die DIE LINKEN an der politischen Entscheidung festhalten, dass es sich in Kleinasien um einen Völkermord gehandelt habe. Waren sie es doch, die diese Resolution dem Bundestag vorlegten. Wusste man das vorher nicht?

Lepsius, ein undemokratischer Geselle seiner Zeit, der die Monarchie verteidigte, antisemitische Äusserungen traf und als Retter eines christlichen Volkes während des Ersten Weltkrieges auch nicht davor zurückschreckte, die Türken als das darzustellen, was heute etabliert ist. Das stellt natürlich die Person selbst in Frage, die Rolle die er dabei spielte wie auch die Absicht die dahinter steckte. Zu seiner Zeit gab es genug Pazifisten, die sich anderweitig und umfassend für die Befriedung unter den Völkern einsetzten, zum Teil mit dem Leben bezahlten. Dagegen hallt aus dem Lepsius-Haus ein ganz anderer Ton. Es ist unsinnig darüber zu spekulieren, was die Absicht des Lepsius-Hauses ist. Alleine die Äusserungen aus diesem Haus zeigen auf, was die Wünsche und Ziele sind. Von einem Dialog kann keine Rede sein. Es werden Vergleiche mit nahmhaften Verteidigern der Demokratie gezogen, Stauffenberg vs. Lepsius, worin sich insbesondere der Gründer des Lepsius-Hauses stark macht. Aber Vergleichsversuche gab es schon immer: der Holocaust ist das beste Beispiel dafür.

Doch dagegen verwehren sich Historiker. Bewusst sprechen wir hier nicht von der Mehrheit oder Minderheit; im wissenschaftlichen Sprachgebrauch gibt es diese Unterteilung auch nicht. Es langt, das sich nahmhafte Historiker gegen eine anders lautende Bewertung aussprechen und sie im Kern kritisieren oder anhand von hinzu gekommenen Fakten neu bewerten. Stattdessen werden Historiker in eine Ecke gedrängt, von Leugnung und von Zuarbeiten für die Türkei ist die Rede. Diffamierung und Unterstellungen sind Gang und Gebe, in Wikipedia, in armenischen Vereinen usw.. Der Historiker Norman Stone sagte einmal: "Hitler wollte die Juden töten, aber er ließ jene von Berlin, Frankfurt und Köln in Ruhe". Die Vernichtungsabsicht wird mit dieser Aussage nicht nur in Frage gestellt, sondern der Vergleichsversuch kritisiert. Wo man sie habhaft werden kann, wird eine Vernichtungsabsicht auch vollzogen bzw. in Erwägung gezogen, so geschehen während des Holocausts, dessen internationalisierte Verurteilung (Nürnberger Prozesse) aufgrund von Beweisen (Wansee-Konferenz) Anwendung fand und durch die UN-Charta internationale Legimität erhielt. Der Grundgedanke, dass in Istanbul, Izmir oder anderen Städten in Kleinasien, Armenier oder andere christliche Minderheiten von der Umsiedlung nicht betroffen waren, erschüttert die These nicht nur, sie wirft wichtige Fragen auf. Diese Fragen sind für die einen wichtig, für die anderen ein Grund sie vollkommen auszublenden.

Die armenische Diaspora zeigt sich empört über das aufwerfen von Fragen, die nach ihrer Ansicht längst beantwortet sind. Was, wenn diese Fragen neu bewertet werden und im Kontext neuer Forschungsergebnisse oder gar vorhandener aber bisher ausgeblendeter Befunde revidiert werden müssen? Sollte man sich dem stellen oder weiterhin auf Stur schalten? Das ist die Frage in der heutigen Zeit, die sich die Diaspora stellen muss. Zu lange hat man die Historiker als im Sold der Türkei stehende bezeichnet, zu lange hat man das eigene Mythos für das eigene Nationalbewusstsein ausgeschlachtet, als das man sie leichtsinnig aus der Hand gibt. Verständlich, wenn man in Betracht zieht, dass man im Gegenzug immer wieder den türkischen Nationalismus, den Kemalismus oder irgend eine andere Ideologie zum Vorwand nimmt, um die türkische "Leugnungspraxis" in der Frage eines angeblichen Völkermordes unter Beweis zu stellen. Die Genozid-These ist für sie nicht nur die eigene Geschichte, sondern auch die eigene Identität zugleich. Ein Schritt zu den Türken würde bedeuten, die eigene Vergangenheit erneut Revüe passieren zu lassen, in der nicht nur die Opferrolle , sondern die Täterrolle zum Vorschein kommt. Stattdessen werden Historiker wie der prominente britische Islamwissenschaftler Bernard Lewis, der die Genozid-These kategorisch ablehnt, wegen seinem Judentum angegriffen und als Verteidiger eines einzigen Holocaust am eigenem Volk dargestellt oder Günter Lewy attackiert, der die Opferzahl auf 640 000 schätzt und eine Vernichtungsabsicht ablehnt, die christlichen Opfer den unwirtlichen Bedingungen während des Ersten Weltkriegs ankreidet, darunter Hunger, Krankheit, aber auch Massaker durch Banden, Kriegsdienstverweigerer oder Bevölkerungsteilen, die sich für die vorangegangenen Schandtaten rächten. Nach Auffassung des Historikers Hikmet Özdemir, der in der Genozidfrage auch die türkische Regierung berät, kamen damals nicht 1,5 Millionen, sondern rund 350 000 Armenier ums Leben. Prof. Halacoglu vertritt die selbe Ansicht, auch nach dem er den Posten des Türkischen Instituts für Geschichte nicht mehr inne hat. Beide Historiker sagen, das weitmehr Türken starben als Armenier. "Ich persönlich verbeuge mich vor allen armenischen Opfern", sagte er in einem Gespräch mit der "WELT". "Wir dürfen aber nicht vergessen, dass allein 1915 mehr als 102 000 Türken von Armeniern eigenhändig getötet wurden und insgesamt 570 000 Türken durch die Agitationen in Zusammenarbeit mit der Entente oder Russland starben".

Norman Stone, der erst vor kurzem erneut mit einem Statement auftrat, ist ein Verfechter gegen die Einmischung der Politik in seine wie die der anderen Arbeiten von Historikern. Es wirke sich nicht nur Kontraproduktiv aus, sondern täusche darüber hinweg, dass eine nicht geringe Anzahl von Historikern aufgrund der Quellenlage die Geschehnisse nicht als Völkermord beurteilen. Harter Tobac, wenn man bedenkt das eine "überwältigende Mehrheit" von einem Völkermord spricht, so zumindest nach Aussagen von Politikern, die den Genozid anerkannt haben. Und Norman Stone geht weiter: Nach seinem Befund hatten auch die Briten keinen Beweis erbringen können, dass ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" begangen wurde und dieser Vorwurf wurde just zu der Zeit ausgesprochen, an dem die Umsiedlung in Planung war. Zwischen 1919 und 1922 wo Istanbul unter britischem Mandat stand und die "Kriegsverbrecher" erst in Istanbul, dann in Malta vor Gericht standen, wurden alle Unterlagen, Archive und Zeugen befragt, durchsucht und ausgewertet, insbesondere auch durch armenisch-stämmige Untersuchungskommissare. Ergebnis der siegreichen Entente: Keine Beweise. Auch die Anfrage an die Verbündeten in Europa oder die USA brachte keine Ergebnisse. Es hies nur lapidar: Sorry, wir haben keine Beweise gegen diese Leute. Und an diesem Zustand hat sich bis heute nichts geändert. Zwar erschienen kurz danach die Andonian-Dokumente die einen Beweis erbringen sollten, aber auch die sind in der Fachwelt nicht nur höchst umstritten, sie werden erst gar nicht in die Bewertung aufgenommen. Ein Teil meint, sie sind gefälscht. Der andere Teil geht wiederum davon aus, dass die Dokumente höchst problematisch sind und nicht verwendet werden können. Keiner will die Dokumente als Beweis darstellen. Das Ergebnis resultierte aus der Arbeit von zwei türkischen Historikern während der 80er Jahre, die die Dokumenten untersuchten. Bis zur abschließenden Beurteilung der türkischen Historiker Ende 1983, galten diese Dokumente ungeprüft als der Beweis schlechthin. Ein Kartenhaus der Diaspora fiel in sich zusammen, trotz der Diffamierung von Sinasi Orel und Süreyya Yuca, die die Dokumente als Fälschungen deklarierten.

Da die Beweise letztendlich fehlen, wird verständlicherweise auf der "Leugnungspraxis" des türkischen Staates zurück gegriffen. Wer hindert, will etwas vertecken, so die These der armenischen Diaspora und die wird jetzt um einen weiteren Punkt erweitert: Wer nicht akzeptiert was Sache ist, leugnet und hat kein Interesse daran, die "Schuld" zu akzeptieren. Doch das Gegenteil ist der Fall. Weder das Ungetüm §311 hat die Türken in der Türkei daran gehindert, die Geschichte so zu bewerten, wie es ihnen beliebt, noch die Nationalisten, die die Schuld einzig bei den Armeniern sehen, wenn es denn so ist wie es verlautbart wird. Die Nationalisten, Kemalisten, kurzum Türken vertreten die Ansicht, das eine Kommission die Vorfälle bewerten soll. Auch das Interesse ist da, was die Diaspora den Türken bisher unterstellte. Wir kommen daher nicht umhin, die letzte Unterschriftenkampagne zu erwähnen, in der türkische Intellektuelle ihre Meinung dazu äusserten und Staatspräsident Gül dies als Meinungsfreiheit hinstellte:

„Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass die große Katastrophe, der die osmanischen Armenier 1915 ausgesetzt waren, ohne Sensibilität behandelt und geleugnet wird. Ich weise diese Ungerechtigkeit zurück, ich persönlich teile die Gefühle und den Schmerz meiner armenischen Brüder, und ich entschuldige mich bei ihnen“, lautet die Erklärung der Gruppe auf der Internetseite www.ozurdiliyoruz.com. „Özür diliyoruz“ bedeutet „wir entschuldigen uns“.

Dabei ging es in dieser Kampagne nicht um Schuldzuweisung, sondern um die Eröffnung einer gesellschaftlich etablierten Diskussion, so Cengiz Aktar, einer der die Kampagne gestartet hatte. Er und viele andere würden gerne Wissen, warum es in der Türkei so wenige Christen gibt. Eine berechtigte Frage, die aber das Ziel und den Sinn verfehlt. Um die türkische Geschichte zu verstehen, kann man sie nicht einzig auf den Ersten Weltkrieg reduzieren, den Bevölkerungsaustausch bzw. den demographischen Wandel der Zeit vor oder danach komplett ausklammern oder die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Kleinasien, dem griechischen Festland, Kaukasus und dem Balkan gänzlich ausser acht lassen. Das Pferd wird sozusagen falsch aufgesattelt. Letztendlich interessiert es die Türken genauso wenig wie die Armenier, was der anderen Partei zu jener Zeit zustieß. Man trauert um die eigenen Opfer und beschimpft die andere Seite damit, diese Opfer auszuklammern bzw. nicht in die Völkermord-Kategorie einordnen zu wollen.

Zwar verweisen die Armenophilen auf die wichtige Funktion der Anerkennung und der daraus resultierenden Erinnerungskultur, doch verblasst dieser moralische Anspruch in der Geschichte der Menschheit oder die der Armenischen Republik. Zieht man alle Völkermorde in Betracht, die nach der UN-Charta als Völkermord verurteilt wurden, hat weder die rechtliche und moralische Verurteilung des Genozids einen Völkermord nach dem Zweiten Weltkrieg verhindert, noch die Erinnerungskultur Menschen davon abgehalten, eine andere Gruppe zu vernichten. Im Hinblick auf den Bergkarabach Konflikt, das durch Armenien verursacht wurde und in deren Verlauf Armenier wie aber auch Aserbaidschaner Pogromen und ethnischer Säuberung unterlegen waren (genau in dieser Reihenfolge), müsste man sogar meinen, dass die Armenier von ihrer eigenen "Leidensgeschichte" nichts gelernt haben, bzw. ihre eigene Moralvorstellung sie nicht davon abhalten konnte, international geächtete Aktionen durch zu führen. Stattdessen wird eine Region entgegen der internationalen Staatengemeinschaft weiterhin besetzt, die keine aserbaidschanischen Einwohner mehr hat. Jährlich kämpfen Aserbaidschaner um die Anerkennung der Vorfälle in Xocali (Hocali) vor der UNO. Das EU-Parlament verwarf einen Entwurf für die Anerkennung als Völkermord. Armenien bestreitet die Vorwürfe und gibt die Schuld den Aserbaidschanern. In anbetracht der Ereignisse in Xocali sollten die Diaspora-Armenier in Deutschland sich die Frage stellen, was sie zu der Aufklärung der Ereignisse von 1992 beigetragen haben, ausser die Geschehnisse zu negieren oder vollkommen auszublenden und sie einzig im Lichte einer Unterdrückung der Armenier in Bergkarabach darzustellen, ganz nach dem Vorbild der armenischen Regierung. Wenn die Besetzung einer fremden Region weiterhin als humanitärer Einsatz klassifiziert wird, in dessen Folge mehrere Dutzend bis Tausend Aserbaidschaner, darunter mehrheitlich Frauen und Kinder auf abscheulichste Art umgebracht wurden. Denn dann stellt sich die Frage, was hat man denn überhaupt gelernt und was versteht man unter Erinnerungskultur? Richtig, nichts. Es geht nicht um die Opferzahl, es geht auch nicht um die Situation, sondern um das Ergebnis eines Konflikts. In Xocali wie im gesamten Bergkarabach  oder Armenien lebt kein Aserbaidschaner mehr. Ethnische Säuberung, Massaker, Völkermord, nennen sie es wie sie wollen. Ein fader Beigeschmack bleibt, wenn in Deutschland aus armenischen Kreisen weiterhin die Moralkeule geschwungen wird und die Sumgait und Baku-Pogrome gegen Armenier als Genozid klassifiziert werden, von den Opfern der anderen Seite nicht einmal ansatzweise gesprochen wird.

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