Selendi: "Wir lebten zusammen und teilten das Brot"

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Roma in Selendi-Manisa

Die möglichen Ursachen und die Meinungen der Bevölkerung von Selendi kommen langsam ans Tageslicht.

Viel wurde spekuliert, viele Gerüchte machten die Runde und die Medien überboten sich mit unglaublichen Titeln und Nachrichten. Der Stadtkreis mit 35 000 Einwohnern verwehrte sich von Anfang an gegenüber Berichten einer herrschenden Abneigung gegenüber Roma-Familien. Die Berichte über Rassismus kränkte sie, aber erst jetzt werden sie gehört und das Interesse ist da. Die TARAF sowie andere türkische Tageszeitungen gehen langsam auf die Hintergründe ein und versuchen den Ablauf der Geschehnisse und die Umstände zu rekonstruieren.

Was mit einem Zigaretten-Verbot oder einem verwehrtem Tee anfing, in Verbalität und Prügel ausartete und letztendlich zu gegenseitigen Übergriffen und in anschließender Zerstörungswut des Roma-Viertels endete, zeigt eventuell auf, wie desolat die gesellschaftliche und soziale Lage, die Polarisierung in der Türkei ist und welcher Funke genügt, um derart aus zurasten. Es war nicht der einzige in dieser Art. Ein ähnlicher Fall ereignete sich in Mersin, in der sich zwei Familien gegenüber standen und im verlaufe der Auseinandersetzungen ein halbes Viertel umfasste. Die Stadt Selendi liegt ausserhalb der Industriezone der Ägäis und betreibt Tabak- und Landwirtschaft. Eins ist dabei auffällig aber zeitgleich haben sie mit anderen Vorfällen eine Gemeinsamkeit: die Meinungen einiger Bewohner der Stadt, dass einige Familien als "andere" bezeichnen. Was das bedeutet, erklären sie mit dem Umstand, dass manche "anderen" reicher sind als sie und das dies nicht mit rechten Dingern zu tun haben kann. Die Unruhen begangen in benachbarten Vierteln, die ausserhalb der Stadtmitte von sozial schwächeren Bürgern bewohnt wird.

Ein junger Mann erzählt die Kettenreaktion, die anders lautet als in den Medien berichtet wurde. Von Schimpfwörtern ist die Rede, von Roma-Frauen die die Teestube angegriffen haben und von Uckun, dem die Zigarette oder der Tee verwehrt wurde. Er habe sich danach mit einem Messer bewaffnet in die Teestube begeben und sei anschließend verhaftet worden. Der junge Mann sagt, dass danach Uckun von seinem Vater abgeholt wurde und dabei vor der Wache einen Herzinfarkt erlitt und verstarb. Anschließend soll die Teestube erneut aufgesucht worden sein, Scheiben sollen zu Bruch gegangen sein. So hätte die Kettenreaktion schliesslich seinen Lauf genommen, sagt der junge Mann im Inteview gegenüber der TARAF und der Cumhuriyet. Yilmaz Tuna, der die örtliche Zeitung führt erklärt es im Zusammenhang mit der herrschenden Arbeitslosigkeit und sozialen Missstände. Die Stadt sei die ärmste der Region, nur Landwirtschaft, davon könne keine Stadt leben, sagt Tuna und erklärt die Übergriffe in einem anderen Licht. Er sagt, der Besitzer der Teestube habe sowieso unter dem Existenzminimum gelebt und nur mit Hilfe die Teestube aufgemacht. "Wieso greift man sich diesen armen Mann und demoliert seinen Laden mehrmals wegen so einer Lappalie, ich verstehe es nicht", sagt Tuna und sieht die Schuld in den Roma-Familien, den später hinzugezogen versteht sich, dass betont Tuna.

150 Männer hätten sich anschließend vor der Teestube versammelt, so Tuna, aber ein anderer mischt sich in das Gespräch ein und berichtigt Tuna, es seien mehr gewesen, mindestens 2 000 und fügt hinzu, zwei Häuser wurden in Brand gesetzt, im Roma-Viertel, das müsse gesagt werden. Ein anderer sieht die Schuld erneut an den Roma-Familien die nach den 90ern in die Stadt kamen. Er sagt, die könnten nie mehr zurück, die anderen hätten keine Schuld an der Eskalation, mit ihnen hätte man keine Probleme gehabt, schliesslich lebe man seit Jahrzehnten zusammen, habe Freunde, habe zusammen das Brot geteilt und Freude daran gehabt. Doch die neuen würden krumme Dinger drehen, neue Häuser bauen und Bewohner beschimpfen, beleidigen und dann die Existenz anderer gefährden. "Die können nicht mehr zurück" sagt ein anderer Bewohner der Stadt.

Nurullah Savaş, der Bürgermeister der Stadt ist sichtlich irritiert über einen TARAF-Reporter, der ihm zuhören will. Er sagt, viele hätten die Stadtverwaltung für die Vorfälle beschuldigt und diese dann in den Medien verbreitet, weil er die MHP vertrete. "Das ist hier eine kleine Stadt, hier nimmt man die Partei oder Parteimitgliedschaft nicht allzu ernst", sagt Nurullah Savaş, aber dass die Vorfälle derart eskaliert sind, versteht auch der Bürgermeister nicht und meint das er überrascht worden ist. In der Nacht habe ihn der Landrat von Selendi angerufen und informiert. Er hätte sogar erst gefragt ob seine Anwesenheit gefragt ist. Der Landrat hätte ihn beruhigt und erklärt das es nicht nötig wäre und er sich selbst vor Ort kümmern werde. Aber, die Lage habe doch eine größere Bedeutung gehabt als er es für möglich gehalten hat und der Landrat habe ihn später erneut angerufen und gebeten so schnell wie möglich zu kommen, sagt Nurullah Savaş. Die per Mikrofon in der Stadt verbreitete Annonce von ihm erklärt er im Zusammenhang mit dem bevorstehenden eintreffen des Provinzgouverneurs. Er habe lediglich über das Mikrofon die Bevölkerung gebeten sich in Ruhe vor die Stadtverwaltung zu begeben, da der Provinzgouverneur vorsprechen werde um für Ordnung zu Sorgen. Manche hätten dass dann in Verbindung mit einem Aufruf zur "Stürmung" des Roma-Viertels ausgegeben.

Der Fensterbauer der Stadt erklärt, er habe am Tag der erneuten Demolierung der Teestube die Scheiben ausgetauscht. Die Menge habe sich vor der Teestube eingefunden. Er sei dann mitgegangen, in das Roma-Viertel und da hätte man ihn vor dem Haus in der er am Vortag noch gegessen hatte, die Waffe entgegen gehalten. Er habe noch gerufen, das er es ist, der Schuß fiel aber trotzdem sagt er. Der Mann der die Waffe abfeuerte, sagt er, wäre sein Schulfreund gewesen, derjenige bei dem er am Vortag noch zu Besuch war. Nicht wegen den Romas sei er hingegangen, sondern weil da Unrecht geschehen ist, sagt der Fensterbauer und fügt hinzu, junge Leute wollten die Häuser abfackeln, er und andere hätten sie daran gehindert. Ein anderer junger Bewohner sagt, die Häuser die sie hier sehen, sind heil, keiner hat sie angerührt. "Wäre die Stadt rassistisch, kein Haus wäre heil geblieben".

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