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Man kann über das Ergebnis der Schweizer Minarett-Volksabstimmung denken wie man will: Diese „TELLS“ jedenfalls sind Demokraten, die ihr Demokratieverständnis leben, egal wie das Ergebnis aussieht.
Gastbeitrag | Heinz Herbert
Aber irgendwas beunruhigt die Westeuropäer. Die Kreuzfahnen-Schwenker verbieten neue Minarette. Der immer wichtiger werdende Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verbietet Italien, in allen Klassenzimmern angenagelte Leichen zur Schau zu stellen. In Schweden verbietet eine Schule das Tragen von Schleiern und eine in den Niederlanden will die Augen muslimischer Schüler nicht mit geschmückten Weihnachtsbäumen belasten, als würden muslimische Kinder keinen Spaß an einem geschmückten Baum haben dürfen. Studien behaupten, Religionen entstünden aus Unsicherheit und ich sage: Religionen sind ein Produkt der TODESANGST.
Religion als solche steht, nach meinem Verständnis, in aller Regel in einer langen Tradition und bezieht sich immer auf übernatürliche Vorstellungen in Form des „Glaubens“ von Menschen an unbewiesene „Verständnisformen Dritter“, hinsichtlich der Existenz überirdischer, allwissender, allseligmachender, regional unterschiedlich wahrgenommener Mächte oder Erscheinungen einer oder mehrerer Gottheiten, total unverständlichen Mächten oder Geistern *).
Die in dieser Praxis innewohnende Gefahr wird jedem der des unbeeinflussten Denkens fähig ist offenbar, denn der unbewiesene und nicht belegbare „Glauben“ an die Vorstellungen von meist vor langen Jahrhunderten verstorbenen Menschen ist schlichtweg naiv.
Heute weiß jeder aufgrund entsprechender wissenschaftlicher Beweisführungen, weit weg von Glauben, Vermutungen oder Hoffen, dass z.B. langes Fasten zu allen möglichen Vorstellungen führen kann, die mit wahrhaftem Erkennen relativ wenig zu tun haben. Die großen monotheistischen Religionen der heutigen Zeit*) basieren auf Eingebungen in engem Zusammenhang mit vorhergehenden exzessiven Fastenübungen.
Und wenn man es genau nimmt: Es gibt nicht einmal eine wissenschaftlich allgemein anerkannte Definition des Begriffs „Religion“. Wem das bewusst ist, braucht nicht lange zu dem Erkennen, dass „zufriedene Menschen“ eigentlich überhaupt keine Religion – egal wie man sie versteht – benötigen. Ich kann nicht erkennen, dass Religionen den Gesellschaften irgendeinen Nutzen bringen könnten. Dazu muss man sich nur ins Bewusstsein rufen, dass die Verbreitung von Moralbegriffen im Ethikunterricht besser aufgehoben ist als in dem über Religion(en). Religion ist lediglich eine Krücke für Menschen, die sich in mehr oder weniger großer Not befinden in Bezug auf materielle Dinge oder Stress und Angst. Bestes Beispiel dafür sind die US-Amerikaner, die z.B. ohne jedwede flächendeckende soziale Absicherung extreme Einkommensunterschiede in der Bevölkerung erkennen, was in wirtschaftlich schwachen Zeiten zu extremen Stress- und Angstsituation führt.
Dort ist der Ruf nach göttlichem Eingreifen, der Glaube an einen übernatürlichen Schöpfer und das Praktizieren aller möglichen religiösen Riten besonders ausgeprägt, wie der Zulauf zu den unsäglichen, sogenannten Kreationisten belegt.
Solche Auswüchse, wie in den USA feststellbar, kann ich mir – im Moment jedenfalls – in Westeuropa nicht vorstellen, weil eben dort ein gutes soziales Netzwerk dafür sorgt, dass die Menschen dort nicht verzweifelt auf einen übernatürlichen Schöpfer hoffen müssen, der ihre Welt glücklicher gestaltet.
Trotzdem muss es in einer Demokratie auch Religionsfreiheit geben, denn das Ertragen der Erkenntnis, dass unsere heutige Existenz endlich ist, ist für viele ohne irgendeinen „Glauben an Irgendetwas“ offensichtlich nur schwer zu verkraften. Auch wenn diese Tatsache bereits eine Folge der seit Jahrhunderten stattfindenden „Glaubensbeeinflussung“ in unseren Breitengraden sein dürfte.
Egal, wir müssen mit der Tatsache des Vorhandenseins von Religionen leben. Und folglich sollte sich jeder nach seiner Facon austoben können, so lange er sich tolerant gegen die Anderen verhält und handelt, die den selbst bevorzugten, kruden Vorstellungen nicht folgen wollen.
Eine Religionseinschränkung hat aber dann stattzufinden, wenn die Grundwerte einer freiheitlichen Gesellschaft bedroht sind. So darf ein Kopftuch als solches nur dann stören, wenn symbolisiert, dass dieser Kopftuchträgerin untersagt ist, einen männlichen Arzt im Krankheitsfall aufzusuchen, Eltern sich gegen die Schulpflicht wehren oder ihren Kindern die Teilnahme an sozialen oder sportlichen Veranstaltungen untersagen oder auf getrennten Besuchszeiten in öffentlichen Schwimmbädern und vergleichbaren öffentlichen Einrichtungen drängen.
Eines sollte „allen Menschen“ in „allen Ländern“ klar sein: Religiöse Vorstellungen gibt es weltumspannend in „allen Gesellschaftsschichten“, eben weil die ANGST VOR DEM TOD eine allumfassende ist. Religion ist Realität, und alle sind gefordert, Andersdenkende zu tolerieren, was nicht heißt, dass man religionspolitische Extreme zugewanderter Volksgruppen als Gesellschaft zwingend ertragen muss.
Hier gilt, dass Einwanderer die regionalen Eigenheiten eines Landes achten. Wem die nicht zusagen, hat in aller Regel die Möglichkeit, von dort wieder wegzuziehen.
So geht es nach meinem Dafürhalten auch in der Schweiz nicht um die Ausübung der islamischen Religion als solche oder den Bau von Gebetsstätten, sondern um die politischen Auswirkungen der Minarette als Symbol einer bestimmten gesellschaftspolitischen Ausrichtung, die mit unserem Verständnis von Demokratie eher weniger zu tun hat. Die Problematik in Deutschland ist ähnlich, und allen ist angeraten, diese Tatsache nicht zu verdrängen. Die Auswirkungen solchen Wegsehens sind für alle Seiten höchst gefährlich.
Necla Kelek**) hatte bereits Mitte 6/2007 einen Artikel in der FAZ über Sinn oder Unsinn der Minarette veröffentlicht. Wir berichteten seinerzeit darüber. Was mich wundert ist, dass diese Schrift offenbar total in Vergessenheit geriet, denn in allen mir zugänglichen Veröffentlichungen jüngster Zeit wurde sich nur selten und wenn überhaupt nur in Nebensätzen, darauf bezogen. Dabei ist dort von kompetenter Seite sachlich und inhaltlich einwandfrei festgehalten, was es mit diesen Minaretten tatsächlich auf sich hat und wie wenig die mit dem islamischen Religionsverständnis als solches zu tun haben – folglich rein politischer Natur und damit im Zusammenhang mit dem Bau von Gebetsstätten verzichtbar sind.
Übrigens: Türme beim Neubau christlicher Kirchen sind ebenfalls verzichtbar. Niemand benötigt in heutigen Zeiten den Kirchturm, um die Zeit ablesen zu können oder das Gebimmel von Glocken, um die Leute an einen Kirchgang mangels einer Uhr zu erinnern oder Feueralarm auszulösen. 12/2009
*)ausgenommen hiervon ausdrücklich der Buddhismus, bei dem es nichts zu glauben gibt und dessen Thesen auf „bewusstem Erkennen“ beruhen, folglich auch wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht wirklich entgegenstehen.
**) Necla Kelek: Geboren 31.12.1957 in Istanbul. Sie ist promovierte deutsche Sozialwissenschaftlerin und Frauenrechtlerin. 1999 – 2004 Lehrbeauftragte für Migrationssoziologie an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialpädagogik in Hamburg.
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