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Vor 20 Jahren markierte der Fall des „antifaschistischer Schutzwalls“ die Einheit Deutschlands. In Bulgarien den Exodus ethnischer Türken aus Bulgarien.
Nach der Abspaltung Bulgariens vom Osmanischen Reich im 19. Jahrhundert blieben etwa eine Million Türken in Bulgarien, überwiegend im Nordosten des Landes, wo sie meist als Bauern und kleine Handwerker lebten und ihre muslimische Religion weiterhin praktizierten, darunter auch Pomaken. Im Allgemeinen wurden sie zwar von der slawischen Mehrheit toleriert, wurden aber als ziemlich rückständige, konservative Minderheit angesehen. 1984 begann dann eine konzertierte Phase der Zwangsassimilation. Das Hauptargument war, dass diese Personen nicht Türken, sondern „zum Islam konvertierte Bulgaren“ wären. Das Resultat war, dass ethnische Türken gezwungen wurden, slawische Namen anzunehmen, dass ihnen verboten wurde, ihre charakteristische, türkische Kleidung zu tragen, privat und öffentlich Türkisch zu sprechen, und dass viele ihrer Moscheen geschlossen wurden.
Die ethnisch türkische Bevölkerung widersetzte sich dem mit erbittertem Widerstand, der vom Regime brutal niedergeschlagen wurde, was dazu führte, dass viele Demonstranten getötet und Tausende eingesperrt wurden. Eine der offensten Demonstrationen des Widerstandes ereignete sich 1986, als Bulgariens Weltrekordler im Gewichtheben, Naum Suleymanov, offen bekannt gab, wieder seinen ursprünglichen Namen Naim Süleymanoglu anzunehmen und erklärte, er werde in Zukunft für die Türkei antreten. Er gewann Goldmedaillen für die Türkei bei den darauf folgenden Olympischen Spielen in Seoul, Barcelona und Atlanta.
Am 10. November 1989 brach das kommunistische Regime unter dem Druck des Zerfallsprozesses der umliegenden kommunistischen Staaten zusammen. Im Anschluss daran verkündete das neue bulgarische Parlament, das man zwischen 1984 und 1989 Unrecht an den ethnischen Türken begangen habe. Seitdem bemüht sich Bulgarien um eine gut nachbarschaftliche Beziehung mit der Türkei. Erst am Freitag sagte der bulgarische Staatsminister Bojidar Dimitrov, das zwischen der Türkei und seinem Land keine unlösbaren Probleme gebe. Dimiktrov zufolge liege die gemeinsame Zukunft beider Ländern in der EU. Der bulgarische Minister räumte ein, dass sie gegenüber den in die Türkei geflüchteten bulgarischen Staatsbürgern nicht das nötige Interesse entgegengebracht habe. Sie würden bald die Rentenangelegenheiten dieser Menschen lösen. Dimitrov sei sehr darüber erfreut, dass an der Trakischen Universität in Edirne, der Fachbereich für Bulgarische Sprache und Literatur eröffnet wurde. Der bulgarische Minister betonte zudem, dass sie die Toleranz der Türkei sehr schätzen würden. Die Probleme betreffend der bulgarischen Kirchen und Friedhöfe sowie kulturelle Erben würden in der Türkei perfekt gelöst.
Doch viele Türken in Europa und in der Türkei haben die Eindrücke von der Grenzregion zwischen Bulgarien und der Türkei vor 20 Jahren nicht vergessen. In der größten Phase des Exodus, Anfang Juli Ende September, konnten sehr viele türkische Urlauber aus Europa die kilometerlange Menschenkette in PKW´s, Lastern, Traktoren, Pferde-Wagen und Bussen nicht übersehen. Tagelang harrten die ethnischen Türken vor der bulgarisch-türkischen Grenze aus, um mit einem vorläufig ausgestelltem Reisepass in die Türkei einzureisen. Die Berichte von Flüchtlingen auf der türkischen Grenzseite der bulgarisch-türkischen Grenze sprachen von einem andauernden Strom Tausender Menschen in die Türkei. Die türkische Grenzpolizei war völlig überfordert und der in Bulgarien entstandene Stau von einigen zehn Kilometern an Fahrzeugen wurde um weitere Kilometer mit ankommenden türkischen Gastarbeitern aus Europa aufgestockt.
Meine Eindrücke selbst sind noch lebendig, wir fuhren am Stau vorbei. Wer die Hauptstraße zur Grenze zwischen Bulgarien und Türkei kennt, weiß, das diese nur eine Landstraße war und durch eine von Landwirtschaft geprägte Region führte. Nichts weiteres das auf Zivilisation hindeutet, keine Stadt, kein Dorf in der Nähe, kilometerweit. In dieser für mich zu jener Zeit, unwirtlichen Region harrten die bulgarischen Türken tagelang aus. Ab und an geriet die an den wartenden Bulgaren vorbeiziehende Kolonne von türkischen Gastarbeitern aus Europa ins Stocken. In diesen Sekunden und Minuten, warfen oder übergaben die Alamancis und all jene, die in die Türkei in den Urlaub mit dem PKW unterwegs waren, hastig Lebensmittel, Wasser und Zigaretten an die zum Teil erschöpften Bulgaren. Auch hinter der Grenze hatte sich der Rote Halbmond vorbereitet und empfing die bulgarischen Türken zur weiteren Verpflegung und Versorgung. Man konnte dabei regelrecht die Angst aus den Augen auslesen, das hastig zusammengebunde Hab und Gut sehen, das darauf hindeutete, wie eilig man sich auf den Weg in Richtung Türkei aufgemacht hatte. Innerhalb weniger Monate flüchteten so mehrere hundert Tausend bulgarische Türken über die türkische Grenzstation Kapikule, zu Fuß, mit dem Auto oder mit dem Zug.
Rund 380.000 ethnische Türken wurden mit drastischen Maßnahmen zur Auswanderung in die Türkei gezwungen, oder gerieten ins Arbeitslagen wie Belene. Dies dauerte bis zum Anfang der 90er Jahre. Dabei sind nach offiziellen Angaben etwa 400 Menschen durch Folter und Massaker umgekommen. Bis heute ist dieses Kapitel in der bulgarische Gesellschaft nicht aufgearbeitet, denn die Archive der ehemalige Staatssicherheit sind noch immer geschlossen, obwohl deren Öffnung ein Punkt in dem Assoziierungsvertrag mit der EU war. Der Öffnung der Archive widersetzen sich vor allem Kreise in der Nachfolgepartei der Kommunisten, der Bulgarischen Sozialistischen Partei (BSP). Der Exodus verursachte auch extreme, wirtschaftliche Schwierigkeiten, weil die meisten, die das Land verließen, in der Landwirtschaft arbeiteten, besonders im Bereich Tabak, Obst und Gemüse, einigen Hauptstützen des bulgarischen Exports. Er war auch ein wesentlicher Faktor, der im Herbst 1989 zum Sturz von Zhivkov führte, einem der am längsten amtierenden kommunistischen Machthaber im damaligen Warschauer Pakt.
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