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Die Türkei hatte ihre Jungfräulichkeit 1955 verloren. Das Pogrom von Istanbul ist ein düsteres Kapitel der türkischen Geschichte mit der sie noch nicht abschließen konnte.
Istanbul den 6. und 7. September 1955
Diese Tage markierten eine düstere Phase der Republik Türkei, in der die griechisch-stämmige Minderheit in Istanbul in Angst und Schrecken versetzt wurde.
Briten, Istanbul Ekspres und Zypriotische Türken
Als Auslöser für das Pogrom betrachtete man bis zum militärischem Tribunal auf der Insel Yassıada, das infolge des Militärputsches von 1960 einberufen wurde, das die DP-Partei unter dem Ministerpräsidenten Adnan Menderes für die Übergriffe verantwortlich war. Die Übegriffe richteten sich hauptsächlich gegen die griechische, aber auch armenische und teilweise aus Verwechslungen heraus Juden und Türken. Obwohl man meinen könnte, das der Bombenanschlag auf das Geburtshaus von Atatürks, das zugleich das türkische Konsulat in Saloniki (Griechenland) war, die Übergriffe provozierte, sind die Hintergründe umfangreicher.
Nicht neu sind die Bewertungen, das England der Auslöser der Pogromtage ist. Trotzdem darf dabei nicht außer acht gelassen werden, das mehrere türkische Staatsbürger für die Taten selbst verantwortlich sind, auch wenn äußere Einflüße dies begünstigt haben oder in die Wege leiteten. Erwiesen ist nun mal, das aus Anatolien mehrere LKW-Ladungen von Türken nach Istanbul verfrachtet wurden. Während des militärischen Tribunals gab es sehr viele Aussagen von Zeugen, die dies bestätigten. Sicher ist auch, das die zyprisch-türkische Organisation maßgeblich daran beteiligt war, für die nötige Gereiztheit in der Türkei zu Sorgen, noch bevor in den türkischen Medien der Bombenanschlag in Saloniki überhaupt erwähnt wird oder aber die noch zu erscheinende Meldung unter die Istanbuler Bevölkerung zu verteilen. Dabei spielte auch die Zeitung "Istanbul Ekspres" eine sehr große Rolle. Die ansonsten nur in 20 000 bis 30 000 Auflagen erscheinende Tageszeitung hatte für den Bericht über den Bombenanschlag gegen das Geburtshaus von Atatürk knapp 290 000 drucken lassen, als einzige versteht sich, die über diesen Vorfall in Griechenland aktuell berichtete. Man merkt förmlich, das hier für eine große Aktion, Menschen an den wichtigsten Schalthebeln in der Gesellschaft beteiligt waren, der griechisch-türkischen Verhältnis, die bis dahin freundschaftlich war, einen Keil zu treiben und die Londoner Zypern-Verhandlungen zu sabotieren.
Augenzeugen und Betroffene berichten
"Sehr sehr schlimm, da war ich verheiratet, Lula war 2 Jahre alt. Im Sommerhaus in Yenimahalle waren wir. Aus Istanbul kam die Nachricht: Beyoglu brennt. Es ist etwa acht, halb neun, ein LKW mit Steinen beladen fährt heran, 10 bis 15 Männer steigen aus. Sie bewerfen als erstes das Kasino mit Steinen, nichts haben sie heil gelassen. Wir haben uns auf der Stelle versammelt, Zangoc war da, mit Sohn und Frau, der Pfarrer mit seinen Töchtern und die Frau. Drausen bewarfen sie dann die Fensterscheiben und ehe wir noch überlegen konnten, was wir tun können, brach die Nacht hinein. Hinter dem Haus lebte eine türkische Familie, der wußte was passierte. Sofort nahmen sie die Töchter des Pfarrers durch das Fenster, Lula versteckte ich. Die Steine prasselten wie Regen herab. Sie kamen an die Haustür, brachen sie ein. Mein Mein Vater hat ohne zu zögern die Zimmertür geöffnet, mein Vater konnte sehr gut türkisch. Sie riefen "wir zerstören für Zypern,...für unser Vaterland". Mein Vater schrie "Tötet mich, meine Frau und meine Kinder" doch die einfallenden riefen "nein, zum töten haben wir keinen Befehl" und fügten hinzu, das sie zum zerstören da sind. Sie fragten nach seinem Namen, er sagte "Kemal". Sie antworteten "Entschuldige Herr Kemal" und gingen hinaus. In einem Laden fragten sie nach dem "Kemal" und der Ladenbesitzer antwortete verstutzt, "welcher Kemal?" und kamen gleich wieder zurück. Sie warfen das Radio und den Kühlschrank hinaus, in den Schränken ließen sie nichts liegen. Alleine standen wir da, zitternd und in Angst. Vater sagte immer wieder, "zerstört, macht alles kaputt", sie taten es, zerstörten alles was sie finden konnten. "wie sollen wir die Nacht vebringen?" sagte die Gruppe und forderten die Tochter des Pfarrers heraus, wir sagten, sie sei nicht da. Sie nahmen den Pfarrer, bindeten ihn auf ein Motorrad und fuhren die ganze Nacht in den Straßen umher"
In der gleichen Zeit wo anders. Der Ehemann von F.S. macht sich auf den schnellsten Weg von der Arbeit nach Hause zu seiner Familie. Er hat einen weiten Weg von Sirkeci nach Yenimahalle. F.S. sagt: "In dieser Nacht war mein Mann in der Arbeit, er kam um drei Uhr in der früh, zu Fuß von Sirkeci nach Yenimahalle. Auch er hat unterwegs gewütet und zerstört,..weshalb er das gemacht hat? Wer nicht zerstört, alles umwirft, ist ein Gavur (Ungläubiger), so dachten sie..."
In der "Bugün" Zeitung vom 6. September 2009 erzählt ein Augenzeuge vom Vorfall vor 55 Jahren. Der Generaldirektor der Zeitung "Apoyevmatini Newspaper", Michail Vasilliadis, hatte zu jenen Tagen in Istanbul das Pogrom selbst als 15-jähriger erlebt. Gegenüber der Bugün sagt der heute 70-jährige: "Diesen Vorfall können nur Madimak-Geschädigte verstehen, mit Worten ist das nicht zu erklären" und fährt fort, "Du hockst in deinem eigenem Haus, eine Menge Menschen stürmen herein, schlagen alles kurz und klein, du hast dich in eine Ecke verkrochen und wartest ab, denkst, jetzt bist auch du dran". Er sagt, dass das Pogrom von außen gesteuert wurde, niemandem wollte man dabei am Leibe Schaden, doch Angst und Schrecken verbreiten, das war ihr Ziel. Sie sagten, man würde heute nichts gegen sie unternehmen, aber in einigen Tagen erneut kommen und wenn man sie vorfindet, ihr Leben nehmen. "Das war keine spontane Aktion, Spontanität bedeutet, das man alles zerstört und auch einen tötet, wenn man ihn zu fassen kriegt" doch das hätten sie unterlassen, denn es muss vorgegeben sein, so Vasilliadis.
Dilek Güven und das britische Archiv
Auf die Frage, was die Rolle der Briten gewesen sei, antwortet Vasilliadis, das Dilek Güven, eine Historikern, in den britischen Archiven auf Dokumente gestoßen ist, die Fragen aufwerfen. In einem Brief soll das britische Außenministerium eine Anfrage an die britische Botschaft in Athen gestellt haben. In der Anfrage steht: "Kann man die Beziehung zwischen der Türkei und Griechenland stören?". Das britische Konsulat antwortet, das die Beziehungen zwischen den beiden Staaten nur schwer zu schädigen ist, doch wenn ein Grieche eine Bombe auf das Geburtshaus von Atatürk wirft, so kann man nicht eindeutig sagen, was passiert. Im Anschluss daran hat Güven wohl auch Aufzeichnungen gefunden, die über den 6. und 7. September handeln und welche Provokationen dazu führen können, damit es eskaliert.
Der 6. und der 7. September
Am 6. September 1955 berichtete der türkische Rundfunk um 13 Uhr, es sei eine Bombe im Geburtshaus des türkischen Staatsgründers Kemal Atatürk in der nordgriechischen Stadt Thessaloníki explodiert. Daraufhin druckte die Istanbuler Express-Zeitung sofort eine Sonderausgabe mit dem Titel: „Das Geburtshaus unseres Ahnen wurde bombardiert“. Als Schuldige machte das Blatt die Griechen aus. Gegen 18 Uhr begann in Istanbul ein Zug von mehreren Tausend Personen durch die Straßen von Sisli zu ziehen. Das erste Haus das durch die marodierenden Gruppen zu Schaden kam, war die Haylayf-Cafeteria. Bis zum Morgen des 7. September randalierten die Gruppen in 20 bis 30 Mann stärke durch die Istanbuler Viertel und richteten erheblichen Schaden an. Dabei wurden auch türkischen Presseberichten zufolge, 11 Personen getötet worden sein, andere Quellen sprechen von 15 Opfern. Nach offiziellen Angaben wurden 30, nach inoffiziellen Angaben 300 Personen verletzt. Über 4214 Häuser, 1004 Geschäfte, 73 Kirchen, eine Synagoge, zwei Kloster, 26 Schulen und 5317 andere Gebäude wurden beschädigt. Den wirtschaftlichen Schaden, der dabei entstanden war, bezifferte man damals auf 150 bis 1 Milliarde Türk. Lira. Im Zuge der Schadensersatzregelungen, wurden den Geschädigten ca. 60 Millionen Türk. Lira ausgezahlt.
Der Putsch
Am 10. September 1955 räumte der Innenminister seinen Sessel. Infolge der Untersuchungen wurde zuerst die Zyprisch-Türkische Organisation beschuldigt. Im Verlaufe der parlamentarischen Anfragen, beschuldigte die DP-Partei unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Adnan Menderes die Kommunisten, darunter Aziz Nesin, Nihat Sargin u.a.. Im Zuge der Ermittlungen wurden diese dann verhaftet, aber im Dezember 1955 wieder freigelassen, da Ismet Inonü als Oppositionsparteimitglied den Druck auf die Regierung gegen Menderes erhöht hatte.
Nach dem Militärputsch am 27. Mai 1960 wurde ein Tribunal in Yassıada errichtet, das auch das Pogrom untersuchte. Wegen den Vorfällen wurde die DP-Partei unter dem Vorsitz von Menderes verboten. Die Putschisten leiteten Gerichtsverfahren gegen Menderes und Funktionäre seiner Regierung und Partei ein, insgesamt 592 Menschen. Nach dem damaligen Türkischen Strafgesetzbuch war die Todesstrafe gegen Personen möglich, „die die Verfassung zu ändern, ersetzen oder außer Kraft zu setzen anstreben“. Menderes wurde unter anderem wegen der Organisation antigriechischer Ausschreitungen im Jahre 1955, der Bedrohung des Lebens des früheren Präsidenten İsmet İnönü, der Organisation von Krawallen zur Zerstörung einer Zeitung und der Korruption angeklagt und zusammen mit Celâl Bayar, Fatin Rüştü Zorlu, Hasan Polatkan und elf weiteren früheren Regierungsbeamten zum Tode verurteilt.
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