Die Verteidigung des Musa Dagh

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Heroisch wird die Verteidigung des Musa-Daghs im Dorf Musa Ler in der Bekaa-Ebene von den dort angesiedelten Armeniern jährlich im September gefeiert.

Gastbeitrag (aufbereitet) | Selim K.

Als traditionelles Festmahl wird Lamm-Eintopf gereicht, um an den heroischen Widerstand zu erinnern der am Musa Dagh stattfand. So stellte es auch Franz Werfel in seinem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ dar, das 1933, 17 Jahre nach dem Ereignis herausgegeben wurde. Franz Werfel hatte zwar nicht Selbsterlebtes und Erinnertes dargestellt, sondern eine über Quellen und historische Literatur rekonstruierte Welt fiktional erfasst und vermittelt, doch in den USA und in Frankreich war der Roman ein Renner. Franz Werfel hatte während einer Reise mit seiner Frau durch Palästina in Damaskus halt gemacht und eine Teppichweberei besichtigt. Dort weckten überlebende armenische Waisenkinder sein Interesse, die abgemagert in Blechhütten wohnten.

Als zentrales Motiv wählte Werfel die herzzereisenden Augen dieser Kinder und begann in Wien mit einer zweijährigen Recherchearbeit am Roman zu arbeiten. Werfel ließ sich von seinem Freund Graf Clauzel Dokumente aus dem Pariser Kriegsministerium beschaffen und auch sonst wollte er soviel wie möglich an Hintergrundinformationen in sein Werk einfließen lassen. In Wien traf er auch auf Pastor Tomas Katschazan der ihm seine "Leidensgeschichte" anvertraute, ein überlebender der Musa Dagh Verteidigung. Wie so oft in dieser Frage verwendete auch Franz Werfel die Schriften von Johannes Lepsius und von Armin T. Wegner zusammengetragenenen Aufzeichnungen. Wegner, der bereits nach seiner Rückkehr aus der Kampfregion in Palästina sofort mit dem sammeln von Berichten und Berichten beschäftigt war, erhielt vieles aus Frankreich, in der die armenische Diaspora bereits Ende 1917 mit der Lobbyarbeit auf einen eigenen Staat in Kleinasien hinarbeitete. Hier merkt man bereits, das alle hier gefallenen Namen, mehr oder weniger miteinander zu tun hatten oder über Dritte zu deren Berichten und Dokumenten gelangten.

Werfel wurde während seiner zweiten Fassung von seinem Freund Ernst Polak darauf hingewiesen, das seine Darstellungen zwischen den Armeniern und Türken schlichtweg in gut und böse eingeteilt sei. Auch wird deutlich, das die eigene Selbstdefinition zwischen den zwei Hauptdarstellern des Romans nicht nur einseitig, sondern geradezu mit bösen Charaktereigenschaften, schlechtem Ruf usw. überladen war. Schliesslich muss er wohl eingelenkt haben und änderte sehr viele Kapitel um, in dem er "Nicht gegen die Türken polemisieren" und "Irgendwo muss Enver Recht sein" hinzufügte oder vereinzelt von Fällen schrieb, die von distanzierten intellektuellen Türken gegenüber der Regierung handelte. Der Ort des Romans, ein Bergmassiv direkt am östlichen Mittelmeer in Antakya, wurde von Werfel minutiös hinterfragt. Dabei überließ Werfel nichts dem Zufall. Man könnte meinen, er habe keinen fiktiven Roman, sondern eine Reiselektüre erstellen wollen.

Im Sommer 1915, mehrere Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, erhielten die armenischen Dorfgemeinschaften nahe des Berg Musa am 15. Juli 1915 den Verschickungsbefehl nach Syrien, in das Gebiet zwischen Damaskus und Kerak (im Südosten des Toten Meeres). Sie sollten aufgrund der Geschehnisse an der Kaukasus-Front und den vereinzelten Massakern im Osten sowie den Erhebungen in anderen Landesteilen, ihre Ländereien in Richtung Syrien verlassen. Über 800 Familien entschlossen sich aber gegen den Befehl zu widersetzen und verbarrikadierten sich auf dem Berg Musa, da in den Dörfern nicht die nötige Abwehr ermöglicht werden konnte. Bereits hier ist ersichtlich, das man zu einem Kampf bereit war und für alles gesorgt haben muss. Pfarrer Digran Andreasians Aufzeichnungen erhielten dadurch bei Werfel eine besondere Aufmerksamkeit. Im Roman wird minutiös dargestellt, wie die Armenier sich in den Berg eingegraben hatten, wie sie sich versorgten und mit welchen Waffen sie sich verteidigen wollten. Auch sonst wir jede einzelne Phase des Kampfes detaillreich dargestellt. Über die Entscheidung, ob man sich zur Wehr setzen soll schreibt Andreasian:

Wir saßen die ganze Nacht und überlegten [...] der furchtbaren Aussicht, unsere Familien in die Wüste zu schicken, die von fanatischen Araberstämmen bewohnt wird, neigten Frauen wie auch die Männer dazu, sich dem Befehl zu widersetzen.

Ein Pfarrer Namens Harutim Nokhudian aus dem Dorf Beitias fand den Widerstand zwecklos und hoffte

dass die Härte der Verbannung vielleicht irgendwie gemildert werden könnte

Vielleicht ist das zu weit hergeholt, aber wenn den Armeniern tatsächlich bewusst geworden war, das ihnen der Tod auflauert, sobald sie aus den sicheren Dörfern weggebracht werden, wieso teilen Pfarrer der umliegenden Dörfer nicht die gleiche Meinung und äussern sich eher über den Verlauf der Umsiedlung als um den sicheren Tod, den es ja nach armenischer gegenwärtiger Lesart gegeben haben muss und den Armeniern bereits zuvor bekannt war - nämlich Massacre - , was ja anschließend die Aufstandsbewegung hervorgerufen hat? Nichts ist schlüssig und auch hier wird ersichtlich, das Armenier der geteilten Meinung waren, ob man sich zur Wehr setzt, um nicht aus dem angestammten Gebiet entfernt zu werden oder sich dem Schicksal zu ergeben und irgendwo in Syrien wieder eine neue Heimat aufzubauen. Doch ihnen drückte etwas anderes im Schuh: fanatische Araber und die härte der Verbannung, also die angestammte Heimat verlassen und damit Leben zu müssen. Doch zurück zu dem bevorstehendem Kampf. Laut Andreasian verfügten die Verteidiger über

120 Büchsen und Gewehre und vielleicht dreimal so viel alte Feuersteinschlossgewehre und Sattelpistolen. Die Hälfte der Männer blieb noch ohne Waffen

Zwischen dem 5. und 8. August 1915, die Quellen sprechen keine exakten Daten an, begann dann der erwartete Angriff der osmanischen Truppen. Schweres Gerät wurde herbeigeholt, die Bergfestung mit Kanonenkugeln beflastert. Zwischen dem Abend und dem Morgengrauen sollen aber mehrmals einzelne Armenier in die Stellungen eingedrungen sein, heroisch mehrere Soldaten getötet, Waffen erbeutet und so für Verwirrung gesorgt haben. Artillerie-Oberst Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenbach hatte wie zuvor in Urfa auch hier das Kommando über die Kanoniere. Zu Reichenbach gibt es einige Quellen die belegen, das die Umsiedlung in Urfa nicht einmal in Erwägung gezogen wurde, als in Van und zuvor in Zeitun die armenische Revolte bereits niedergeschlagen oder wegen anstürmender russischer Heereseinheiten abgebrochen wurde. Oberst Reichenbach wird dabei in Zusammenhang mit der Urfa-Revolte in einem AA. Schreiben vom November 1915 zitiert:

Das Signal zum offenen Ausbruch der Unruhen gaben 2 deutlich bestimmbare Ereignisse. Das erste fällt in das Ende des Monats August. Damals wurde eine Gendarmeriepatrouille, die in einem Hause des Armenierviertels nach Waffen suchte, zur Hälfte niedergeschossen, der Rest flüchtete. Kaum wurde dieser Vorfall im Basar und umliegenden türkischen Viertel bekannt, so nahm die empörte muhammendanische Bevölkerung ihre Rache an den gerade im Basar und auf den Strassen befindlichen Armeniern, von denen gegen 100 niedergemacht wurden. Durch Eingreifen des Mutessarifs wurde jedoch weiteren Massacres rasch vorgebeugt. Die Armenier blieben darauf einige Tage in ihrem Viertel, wo sie sich verbarrikadierten, im übrigen aber ruhig verhielten. Es erfolgte andrerseits auch gegen sie nichts, nicht einmal eine Untersuchung wegen des Überfalls gegen die Gendarmeriepatrouille. So kehrte nach gewisser Zeit anscheinend der normale Zustand zurück.

 Dann kam Ende September das zweite Ereignis: wiederum eine Schiesserei im Armenierviertel, deren Grund jedoch nicht aufgeklärt ist (auch nicht gegen wen sie gerichtet war). Sie war an sich ohne Bedeutung, da offenbar niemand verletzt wurde, hatte aber zur Folge, dass am nächsten Tage eine stärkere Gendarmeriepatrouille in das Viertel geschickt wurde, um den Vorfall zu untersuchen. Auf diese Patrouille wurde abermals geschossen und mehrere Gendarmen getötet; der Rest entkam durch Flucht. Nun zogen sich alle Armenier, die zufällig ausserhalb des Viertels waren, schleunigst in dieses hinein und in kürzester Zeit war der ganze armenische Stadtteil verbarrikadiert und in Verteidigungszustand gesetzt.

Man muss sich schon sehr bemühen, um daraus eine todsichere Verschickung mit anschließender Tötung en masse zu stricken. Wäre dem so, hätte der Mustesarrif von Urfa die im August ausgebrochene Revolte gegen Gendarmerie-Einheiten und in dessen Folge die Gegenreaktion der zivilen Muselmanen unterbunden, sondern eher die "Arbeit" vollstrecken lassen können, ohne dabei den örtlichen Behörden oder der Regierung einen Verdacht zur Mitschuld, ja Hauptschuld zukommen zu lassen. Dem war aber nicht so. Bis zuletzt blieb es zunächst ruhig, die örtlichen Behörden griffen nicht ein, auch dann nicht, wenn vereinzelte Übergriffe von revolutionären Armeniern stattfanden, die ab und an Gendarmen überfielen und töteten, bis, ja bis zu einem Ereignis, bei der die Gendarmerie zu einer Untersuchung in das armenische Viertel einmarschierte. Der Überfall auf die Gendarmerie erfolgte prompt und markierte auch hier den Beginn des Verteidigungszustands. Mehr als 2000 waffenfähige Männer standen plötzlich in vorbereiteten Häuserschluchten mit guter Bewaffnung in Stellung, was Oberst Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenbach auszutreiben versuchte und ihm auch letztendlich gelang. Jetzt stand er am Fuße des Berges in Antakya und fand das gleiche Szenario wie in Urfa vor. Er sollte noch mehr solcher "Festungen" vor die Augen bekommen.

Am 36. Tag der Verteidigung des Berges erschien der französische Kreuzer „Guichen“ und nahm zusammen mit anderen Kriegsschiffen 4058 Armenier auf, die dann nach Port Said in Ägypten evakuiert wurden. Ein Teil der evakuierten wehrfähigen Armenier wurde dann nach Zypern verschifft und für den Kampf in Kleinasien vorbereitet. Diese Einheiten waren dann die berüchtigten armenischen Legionäre, die durch französische und britische Offiziere ausgebildet nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in Cilicien wüteten. Oberst Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenbach hatte hingegen 300 Tote und mehr als 600 Verletzte zu beklagen. Die meisten der nach Port Said verschifften Armenier kehrten nach Kriegsende in ihre Heimat zurück und verließen 1921-1923, nachdem die Türkei während des Befreiunsgkrieges weite Regionen zurückerlangte, das Gebiet mit den abziehenden Allierten-Verbänden erneut.

Heute feiern in den Städten Kahramanmaras, Gaziantep und in vielen weiteren Städten der Türkei, Türken den Befreiungskampf von den Allierten, aber auch armenisch-stämmigen Legionären und Baschibozuks. Doch trotz dieser Erfahrungen der Türken und der Opfer die man gebracht hatte, lebten nach 1923 noch immer mehrere hunderttausend Christen in der neu gegründeten Republik Türkei. Nur in den Regionen, in denen Armenier schlimm gewütet hatten, blieben sie aus. Sie wussten wohl, das ein Zusammenleben mit den Türken in jenen Gebieten kaum noch möglich war und blieben ihrer Heimat fern. Stattdessen wurde u.a. der Ersatzmythos "Musa-Dagh" erschaffen, dessen Feiern noch an etwas erinnern soll, das sie vor langer Zeit verlassen mussten.

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